Abstract

Die Treuhand ist eine aus Pennern, Trinkern und Gelegenheitseigentümern gegründete Organisation, deren erklärtes Ziel darin besteht, die Reichen zu bestehlen und das Gestohlene den Armen zu schenken. Initiatorin der Treuhand ist Mia Von Schöneberg

Quote

Die Treuhand ist offiziell die einzige milliardenschwere Organisation, deren Schatzmeister in Pfandbons bilanziert.

Ausgelöst wurde die Gründung durch Mia Von Schöneberg und ihren Diebstahl der Krone.

Als Mia die Krone aus einem Museum in Hamburg_2 stahl, schenkte sie sie dem ersten Obdachlosen, dem sie an der Elbe begegnete. Es handelte sich um Sir Relax a Lot. Sein richtiger Name tut nichts zur Sache. Mia drückte ihm die Krone in die Hand und sagte, er solle “etwas Schönes damit anstellen”.

Vom schieren Glück dieser milliardenschweren Schenkung überwältigt, trommelte Relax seine drei obdachlosen Freunde Klimmbimm Jimmy Tim, Earn Hard und Superzahl 6 in einer verlassenen Fischhalle zusammen und verkündete die Gründung der Treuhand. Die konstituierende Sitzung dauerte elf Minuten. Neun davon wurden darauf verwendet, eine Flasche ohne Öffner aufzubekommen. Das Gründungsprotokoll steht auf der Rückseite eines nassen Fischbrötchenpapiers und gilt als verschollen, obwohl Earn Hard behauptet, darauf zu schlafen.

Das Ziel der Treuhand besteht – in Anlehnung an Mias vermeintlich altruistischen Akt – darin, die Reichen zu bestehlen und das Gestohlene den Armen zu geben. Dabei beruft sie sich auf Mias persönliche Karl Marx-Auslegung: Werte würden nur wachsen, wenn man sie in Bewegung setze. Ob Marx das tatsächlich so gesagt hat, interessiert niemanden. Mia nennt den Diebstahl der Krone deshalb angewandten Marxismus. Die Treuhänder nennen ihre Raubzüge folgerichtig Wertbewegungen und sich selbst Logistiker des Klassenkampfes.

Seither geht die Treuhand auf Milliardärsjagd. Allerdings verstehen sie unter Reichtum nicht nur Geld. Sie entwenden auch vergoldete Wasserhähne, private Wettermaschinen, seltene Weine, maßgeschneiderte Schuhe, Kunstsammlungen und einmal den Lieblingssessel eines Reeders. Der Sessel wurde einem Armen geschenkt, der ihn nicht wollte. Seitdem steht er im Hauptquartier und gilt als erster gescheiterter Umverteilungsversuch.

Alle vier Treuhänder sind Alkoholiker und daher in ihren geistigen, körperlichen und vor allem organisatorischen Fähigkeiten eingeschränkt. Obwohl sie mit der Krone ein milliardenschweres Asset besitzen, stecken sie ständig in Geldproblemen. Die Krone lässt sich weder unauffällig verkaufen noch in einer Hafenkneipe beleihen. Sie wandert deshalb zwischen einem Eimer, einer Kühlbox und Relax’ Kopf hin und her. Gelegentlich dient sie als Flaschenhalter. Niemand darf sie einen Schatz nennen; laut Satzung handelt es sich um gebundenes Umlaufvermögen.

Die Treuhand arbeitet ohne feste Hierarchie, ohne Buchhaltung und ohne trockene Kleidung. Entscheidungen werden durch Zuruf getroffen. Bei Stimmengleichheit entscheidet, wer noch stehen kann. Nach außen tritt sie dennoch mit dem Ernst einer altehrwürdigen Institution auf. Ihre Briefe tragen ein schief gestempeltes Siegel und enden mit der Formel:

Treuhänderisch verwahrt, solidarisch verprasst.

Lord Relax a Lot

Gründer, Vorsitzender und selbst ernannter schottischer Landbesitzer der Treuhand. Relax ist ausgesprochen faul. Manchmal treibt er wochenlang auf einem Floß durch die Wasserstraßen von NeuBerlin, ohne seine Lage erkennbar zu verändern. Wenn Vorbeifahrende ihn mit einem Stock anstupsen, um zu prüfen, ob er noch lebt, reißt er ihnen den Stock aus der Hand und erklärt, dies sei nun eine Grenzverletzung seines schottischen Grundbesitzes.

Relax beteuert gern, er sei als Besitzer der Krone theoretisch Milliardär – was sogar stimmt. Praktisch schuldet er mehreren Kantinen Geld und besitzt keine trockenen Socken. Auf weitere Nachfragen geht er nicht ein. Er hält Bewegung grundsätzlich für eine überbewertete Vorstufe der Erschöpfung und delegiert selbst das Delegieren.

Innerhalb der Treuhand ist er für Strategie und Horizontallage zuständig. Seine größte Begabung besteht darin, zwischen echter Bewusstlosigkeit und vollkommener Arbeitsverweigerung keinen sichtbaren Unterschied entstehen zu lassen.

Klimmbimm Jimmy Tim

Klimmbimm stiehlt bevorzugt Dinge, die glänzen. Ob sie wertvoll sind, ist zweitrangig. Er trägt so viel Schmuck, Besteck, Metallplaketten und abgerissene Türklinken am Körper, dass man ihn hört, bevor man ihn sieht. Beim Schleichen klingt er wie ein umfallender Kronleuchter.

Er nennt sich den Kurator beweglicher Werte und betrachtet jede Hosentasche als Kleinstmuseum. Seine Beute verschenkt er großzügig, bereut es jedoch häufig wenige Minuten später und versucht dann, sie gegen etwas Glänzenderes zurückzutauschen. Innerhalb der Treuhand ist er für Beschaffung, Ästhetik und das unabsichtliche Auslösen von Alarmanlagen zuständig.

Die Krone liebt er aufrichtig. Dass sie allen Armen gehören soll, akzeptiert er – solange sie dabei möglichst oft auf seinem Kopf sitzt.

Earn Hard

Earn Hard schmückt sich damit, den Lottogewinn von Superzahl 6 innerhalb von zwei Wochen versoffen zu haben. Als Superzahl ihm damals empfahl, er solle das Geld eben härter verdienen, nahm er den Satz als neuen Namen an: Earn Hard.

Seine Sätze beginnen häufig mit “Man müsste mal” und enden gewöhnlich damit, dass eine Flasche geholt werden soll. Er entwirft große Finanzpläne auf Bierdeckeln, rechnet grundsätzlich in Kästen und nennt Schulden negatives Startkapital.

In der Treuhand ist Earn Hard der Schatzmeister. Diese Entscheidung gilt selbst innerhalb der Organisation als schwerer Fehler. Er führt eine Kasse, in der nie Geld liegt, dafür aber Pfandbons, Spielschulden, zwei Knöpfe und eine Liste von Leuten, die ihm angeblich noch einen ausgeben müssen.

Superzahl 6

Superzahl 6 ist leidenschaftlicher Lottospieler und leider Gottes mit Earn Hard befreundet. Dass Earn Hard seinen Jackpot versoffen hat, nimmt er erstaunlich gelassen hin. Er ist überzeugt, dass statistisches Pech nur eine besonders lange Anlaufphase des Glücks sei.

Er deutet Nummern auf Schiffsrümpfen, Pegelständen und Konservendosen als Botschaften des Schicksals. Vor jedem Raubzug bestimmt er sechs Glückszahlen, deren taktischer Nutzen vollkommen unklar bleibt. Einmal sagte er einen Wachwechsel korrekt voraus, weil die Uhrzeit zufällig auf seinem Tippschein stand. Seitdem gilt er als Orakel der Treuhand.

Superzahl 6 ist der freundlichste und womöglich gefährlichste der vier: Er würde seinen letzten Mantel verschenken und anschließend die Jacke eines Milliardärs stehlen, weil das Universum den Bestand offenbar ausgleichen wolle. Innerhalb der Treuhand verantwortet er Wahrscheinlichkeiten, Schicksal und hoffnungslose Fälle.

Auftreten und Arbeitsweise

Die Treuhänder wirken auf den ersten Blick wie vier Männer, die zufällig unter demselben Vordach eingeschlafen sind. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass sie einander blind vertrauen. Sie streiten über jede Flasche, aber niemals darüber, ob Beute geteilt wird. Wer nichts besitzt, kann nach ihrer Logik auch nichts unterschlagen.

Ihre Raubzüge sind selten elegant. Sie gelangen nicht durch perfekte Planung in Villen und Tresorräume, sondern weil Wachen sie für Lieferanten, oder ein hygienisches Problem halten und möglichst schnell wieder loswerden wollen. Dieser Eindruck ist ihre wirksamste Tarnung.

Wenn ein Coup gelingt, wird der Gegenstand nicht verkauft, sondern feierlich “in Bewegung gesetzt”. Die Beschenkten können mit kostbarer Kunst häufig wenig anfangen. So tauchen Meisterwerke als Tischplatten, Regenschutz, Bootsreparaturen oder Kantinendekoration wieder auf. Für die Treuhand ist Kunst, die endlich benutzt wird, endlich keine Geisel der Reichen mehr.

Sie trinken zu viel, lügen schlecht, klauen gelegentlich auch unterhalb der Milliardärsgrenze und behalten Klimmbimm länger, als es die Satzung erlaubt. Aber wenn jemand wirklich nichts hat, werden sie plötzlich ernst. Dann öffnen sich ihre Mäntel, und für einen kurzen Moment funktioniert die Umverteilung so, wie sie es behaupten.