
Kurzprofil
Gojan ist Tsunami-Fänger, Inhaber der NeuBerliner Wasserwerke und einer der drei Epiphanen der Saga. Mit 27 Jahren bereits zum Helden erklärt, ist er ein vom Generationenkrieg zermürbter Rebell. Während Admiral 7 die Nachwelt zum Richter über die Gegenwart erhebt, hat Gojan aus dessen Jahrtausendimperativ eine praktische Lebensaufgabe gemacht: Er will eine Zukunft errichten, die sich nicht länger vor der Vergangenheit verbeugen muss.
Gojan über die Vergangenheit
„Die Toten hatten ihre Gegenwart. Ich sehe nicht ein, warum sie auch noch unsere bekommen sollen.“
Angelehnt an:
- Filippo Tommaso Marinetti - historischer Warnschatten
- Louis Antoine de Saint-Just - die Schattenseite
- Jacques Lusseyran - der blinde Epiphane
- Joseph Bazalgette – der Stadtreparateur
| Merkmal | Beschreibung |
|---|---|
| Name | Gojan |
| Zugehörigkeit | Schöneberg; später Himmelfahrtskommando |
| Funktion | Tsunami-Fänger und Inhaber der NeuBerliner Wasserwerke |
| Herkunft | Berlin |
| Spezialgebiet | Wasserbau, Pumpensysteme, Deiche und improvisierte Großreparaturen |
| Wichtigster Besitz | Taschenlampe |
| Erscheinungsbild | Glatze, stämmig. |
| Größte Schwäche | Wut |
| Grundhaltung | Die Zukunft schuldet der Vergangenheit keinen Gehorsam |
Biographie
Gojan ist für die Wasserwerke von NeuBerlin verantwortlich: Das Konglomerat der Pumpen reguliert die Wassermassen entlang der 4 Flanken von NeuBerlin.
Geboren wurde er in Berlin am Tag Sieben-Sechs-Vier-Zwei-Acht-Fünf (764285), dem 10. Januar 2089 nach alter Zeitrechnung. Seine Mutter arbeitete als Ärztin bei der Marine, sein Vater als Softwareentwickler. Aus den Überlieferungen des Marine-Archivs geht hervor, dass beide am Kleinen Betriebswechsel von 2055 beteiligt waren. Hinter dieser auffallend harmlosen Bezeichnung verbarg sich eine Meuterei in der Terminologie einer Institution, die sogar einen Umsturz noch wie einen Wartungstermin klingen lassen wollte. Zweiunddreißig hochrangige Offiziere und Admiräle wurden ihrer Ämter enthoben; mehrere Giftanschläge auf die Besatzung forderten zwölf Verletzte und drei Tote.
Gojan floh vor seinen Eltern und verdingte sich als Handwerker. In der jungen Stadt bestand daran kein Mangel: NeuBerlin hatte damals mehr Löcher als Häuser und für jedes Loch mindestens zwei Behörden, aber nur selten jemanden mit einem Schraubenschlüssel. Gojan lernte, Pumpen instand zu setzen, Fundamente im Wasser zu verankern und Maschinen zu reparieren, deren Hersteller längst untergegangen waren – wirtschaftlich, geografisch oder beides.
Erst später erfuhr er vom Tod seiner Eltern. Die Marine hatte sie hinrichten lassen. Ihrer Seebestattung blieb er bewusst fern. Er sagte, er könne die Existenz seiner Eltern noch immer nicht verkraften; mit ihrem Tod allein sei es schließlich nicht getan.
Den Bau der Südflanke vollendete Gojan gerade noch rechtzeitig. Wenige Stunden später traf ein Tsunami auf das neue Bollwerk. Die Flanke hielt stand, leitete die Hauptwucht in die Rückhaltebecken und bewahrte weite Teile NeuBerlins vor der Überflutung. Seitdem gilt Gojan als der Mann, der einen Tsunami fing. Ingenieure weisen gelegentlich darauf hin, dass man einen Tsunami nicht wirklich fangen könne. In Gojans Gegenwart tun sie dies gewöhnlich nur einmal.
Der Tsunami-Fänger
„Natürlich kann man einen Tsunami nicht fangen. Man kann ihm nur einen Ort bauen, an dem er verliert.“
NeuBerlin machte ihn zum Helden, was er der Stadt nie ganz verziehen hat. Heldenverehrung ist in seinen Augen nur ein Trick, Verantwortung auf einen Einzelnen abzuwälzen. Solange alle auf den Helden zeigten, musste niemand fragen, warum ein Siebenundzwanzigjähriger überhaupt gezwungen gewesen war, die Stadt mit improvisierten Pumpen vor einem Tsunami zu retten.
Aus der Wut auf seine Eltern erwuchs Gojans persönlicher Generationenkrieg. Dass sie „nur“ zweiunddreißig Autoritäten der Marine beseitigen konnten, betrachtet er nicht als Heldentat, sondern als unvollendete Arbeit. Auch sie, so glaubt er, hätten sich zu sehr mit den Umständen ihrer Zeit arrangiert. Für das heraufziehende Ende der Welt macht er nicht die Konzerne verantwortlich, sondern die beharrliche Gleichgültigkeit ganzer Generationen: Menschen, die wussten, dass sie ihre Wirklichkeit zerstörten, und dennoch jeden Morgen pünktlich zur Arbeit erschienen, um daran weiterzubauen.
Gojan misstraut deshalb dem moralischen Freispruch der Vorfahren. Jede Epoche, meint er, hält ihre Zwänge für Naturgesetze und die Zwänge früherer Epochen für lächerlichen Aberglauben. Die Zukunft sei der einzige Zeuge, den die Gegenwart nicht bestechen könne – leider erscheint der Zeuge zu spät zum Prozess.
Von dieser Überzeugung getrieben, will Gojan die Spuren früherer Generationen aus den Archiven NeuBerlins tilgen. Die nächste Generation soll ihre eigenen Idole hervorbringen, statt unter dem historischen Gewicht der Alten aufzuwachsen. Errungenschaften sollen nach ihrem Nutzen beurteilt werden, nicht nach dem Glanz der Namen, die an ihnen haften. Darin liegt Gojans praktische Auslegung der Deppenklausel: Niemand hat Anspruch auf Verehrung, bloß weil er rechtzeitig genug gestorben ist.
Sein Vorhaben enthält einen Widerspruch, den Ajax ihm mit großer Ausdauer vorhält: Wer die Fehler der Vergangenheit auslöscht, befreit die Zukunft nicht von ihnen, sondern nimmt ihr nur die Beweismittel. Gojan erwidert darauf, Archive seien keine Erinnerung, sondern Mausoleen mit alphabetischer Sortierung.
Ajax’ Einwand
Wenn Gojan alle Spuren der Alten tilgt: Befreit er die Zukunft – oder verurteilt er sie dazu, dieselben Fehler ohne Vorwarnung zu wiederholen?
Ajax kannte Gojans Eltern persönlich. Er versuchte Gojan zu erklären, dass die schwierigen Umstände ihrer Zeit das Scheitern des Kleinen Betriebswechsels verursacht hätten. Gojan hörte darin lediglich die älteste Ausrede der Welt: Man hätte ja gern das Richtige getan, aber leider sei gerade Gegenwart gewesen.
Der Streit eskalierte. Gojan warf mehrere Regale des Archivs um und beschloss anschließend, Tsunamis zu fangen. So kehrte er an die Südflanke zurück.
Bei der Explosion eines Gastanks erlitt Gojan schwere Verbrennungen im Gesicht. Die Druck- und Hitzewelle verletzte beide Augen; eine dauerhaft getrübte Hornhaut ließen ihm nur einen kleinen Rest seiner Sehfähigkeit. Er erkennt vor allem starke Kontraste, Bewegungen und grobe Konturen. Gleichmäßige Helligkeit blendet ihn, doch präzise ausgerichtetes Licht hilft ihm, Objekte besser abgrenzen zu können.
Deshalb trägt er eine abgeschirmte Hochleistungstaschenlampe bei sich. Ergänzt wird sie durch Magnesiumfackeln für Notfälle. Wegen dieser Ausrüstung kündigt sich Gojans Erscheinen meist durch einen wandernden Lichtkegel an. Erst weicht das Licht um die Ecke, schließlich taucht Gojan selbst auf.
Über seine Taschenlampe
„Ich brauche nicht viel Licht. Nur genug, damit die Dinge aufhören, sich als etwas anderes auszugeben.“
Als Gojan eines Tages während eines schweren Flutereignisses einen weiteren Tsunami in die Becken der Südflanke zwang, stürzte er ins Wasser. Im Sog der geöffneten Schleusen drohte er zu ertrinken. Dort fand ihn eine Epiphanie: Das Himmelfahrtskommando, als Bewegung fort von einer Welt, die ihre eigene Rettung für unrealistisch hielt.
Als er die Augen wieder öffnete, schwebte in der trüben Tiefe des Rückhaltebeckens ein Candytron.
Epiphanie im Rückhaltebecken
Wo andere eine religiöse Erscheinung erwartet hätten, fand Gojan ein Raketentriebwerk. Für ihn war das überzeugender.
Gojan barg das Triebwerk und holte mit Unterstützung der Pippkids neun weitere Exemplare aus dem Tsunami. Der Fund führte zu einer Auseinandersetzung mit Salt Brah. In deren Folge schloss Gojan sich dem von Koko initiierten Himmelfahrtskommando an.
Persönlichkeit
Gojan ist grimmig und lacht praktisch nie. In NeuBerlin begegnet man ihm mit einer Mischung aus Angst, Dankbarkeit und der Sorge, versehentlich im Weg zu stehen. Wenn sein Lichtkegel durch eine Straße wandert, springen die Menschen zur Seite.
Er schwankt zwischen beinahe unheimlicher Ruhe und eruptivem Chaos. Seine Wut ist zugleich Antrieb und chronische Fehlfunktion. Sie befähigt ihn, Dinge zu bauen, die gesunde Menschen schon im Planungsstadium aufgegeben hätten. Sie hindert ihn jedoch daran, zwischen einem Hindernis, einem Gegner und einem Möbelstück zuverlässig zu unterscheiden.
Gojan ist kein Zyniker. Er erwartet nur so viel von den Menschen, dass er ständig von ihnen enttäuscht wird. Hinter seinem Zynismus liegt ein beinahe schmerzhafter Glaube daran, dass eine bessere Welt möglich wäre. Er verachtet die Vergangenheit, weil sie sich mit dem Scheitern abgefunden und es anschließend Tradition genannt hat.
Sein tiefster Konflikt besteht darin, dass auch er einmal ein Vorfahr sein wird. Wenn seine eigene Lehre stimmt, haben spätere Generationen jedes Recht, seine Errungenschaften einzureißen.
Der innere Widerspruch
„Wenn die Kinder nach uns meine Deiche einreißen, sollen sie wenigstens bessere bauen. Sonst komme ich zurück.“
Fähigkeiten
Gemeinsam mit Koko und Sam 3, der im zweiten Buch erscheint, gehört Gojan zu den Epiphanen. Seine Fähigkeit, Botschaften aus dem Himmel zu empfangen, erlaubt ihm, Zusammenhänge wahrzunehmen, die innerhalb seiner Welt noch keine sichtbare Ursache besitzen.
Dadurch besitzt Gojan erheblichen Einfluss auf den Erfolg des Himmelfahrtskommandos. Seine Visionen machen ihn jedoch nicht unfehlbar. Eine Botschaft aus einer höheren Wirklichkeit wird schließlich nicht automatisch klüger, nur weil sie in Gojans Kopf landet.
Beziehungen
Gojans Beschützerinstinkt gegenüber dem Himmelfahrtskommando ist allumfassend. Er würde nahezu alles tun, um die Mission zum Erfolg zu führen, weil er sie für die einzige ernst zu nehmende Antwort auf die Krisen des 22. Jahrhunderts hält. Für ihn ist das Kommando eine Flucht nach vorn: der Versuch, das Paradies endlich als Bauauftrag und nicht länger als religiöse Metapher zu behandeln.
Er beschützt Menschen unabhängig davon, ob er sie mag. Sympathie hält er für eine schlechte Grundlage moralischer Pflichten; wer nur Freunde rette, betreibe keine Ethik, sondern Vetternwirtschaft mit dramatischer Beleuchtung.
Über Pflicht
„Ich muss dich nicht mögen, um dich aus dem Wasser zu ziehen. Du musst nur aufhören, ins Wasser zu fallen.“
Seine Loyalität ist dennoch an ein strenges Urteil gebunden. Wer die Zukunft verrät, verrät in seinen Augen alle Menschen, die noch keine Stimme besitzen. Wer die Zukunft enttäuscht, enttäuscht Gojan. Und wer Gojan enttäuscht, verliert einen Schutzengel.
Weitere Zitate
Über Wut
„Wut ist Energie ohne Bauplan. Also gib ihr einen.“
Über Kompromisse
„Ein Kompromiss mit dem Untergang heißt nur, dass man sich auf die Hälfte des Untergangs geeinigt hat.“
Über Ajax
„Ajax bewahrt jeden Fehler sorgfältig auf. Falls die Zukunft vergessen sollte, woran sie scheitern soll.“
Über Salt Brah
„Er verwechselt Widerstand mit Lautstärke. Das passiert häufig bei Männern, die vom Meer gelernt haben, aber nur die Brandung verstehen.“
Über das Paradies
„Das Paradies ist ein Bauauftrag mit katastrophaler Projektleitung.“