Die Open Wings Foundation ist eine gemeinnützige Stiftung zur Nachrichtenübermittlung und Informationskoordination in NeuBerlin. Sie betreibt das gleichnamige Brieftaubennetz, das die Stadtteile sowie zahlreiche Außenposten der Wasserstraßen von NeuBerlin miteinander verbindet. Open Wings gilt als eine der ältesten noch aktiven Institutionen der Stadt und wird als „Internet 1“ in die Geschichte von NeuBerlin eingehen. Anders als das “Internet 0” der Alten Welt transportiert Open Wings ausschließlich physische Nachrichtenkapseln. Die Stiftung verfolgt die Grundsätze der Freiheit, Überprüfbarkeit und Unabhängigkeit des Informationsaustausches. Open Wings agiert unabhängig von zentraler Kontrolle und wird vom Tempelhof Diskoord koordiniert.

Geschichte

Die Gründung von Open Wings geht auf das Jahr 2108 zurück und wird den drei Admins des Tempelhof Diskoord Salt Brah, Ciao Von Bella und Funky.blend zugeschrieben.

Auslöser war Salt Brahs zunehmende Frustration über den Zustand des Internets der vorherigen Version. Automatisch startende Videos, Cookie-Banner, Ad-Targeting, Phishing-Kampagnen, Scammer und AI Slop hätten das Internet zu einer “Kloake der bilateralen Abzocke” verkommen lassen. Daraus entstand Salt Brah’s Vision, das Internet ausgehend von der ursprünglichen Idee her neu zu denken und in Form eines von Brieftauben getragenen Informationsnetzes in den Domain-Zonen von NeuBerlin zu etablieren.

Die ersten Tauben

Zusammen mit der Falknerin Ciao Von Bella wurde ein Taubenschwarm, bestehend aus NeuBerlin’s schnellsten Tauben, zusammengestellt. Der erste Testflug am 12. Oktober 2109 verlief erfolgreich.

Hierbei wurde auch die Gelegenheit genutzt, die Vorgängerversion des Internet durch das Austragen eines Wettrennens zu blamieren: Um Punkt 12 Uhr wurden auf dem Dach des Tempelhofer Diskoords zeitgleich zwei identische Fassungen der Botschaft “FF” (die Initialen für “Flieg Frei” - das Motto der Open Wings Foundation) auf dem Weg geschickt: Die erste per klassischer E-Mail, die zweite per Open Wings Brieftaube. Die Botschaft wurde an einen Computer verschickt, der sich in der Dachzentrale von Schloss Schönhausen in NeuBerlin Pankow befandt. Um der Taube den Ort des Computers zu markieren, wurden zuvor entsprechende Flaggen auf dem Dach des Schlosses angebracht.

Info

Diese 11,7 km lange Luftlinie konnte von der Brieftaube zuerst absolviert werden, womit Open Wings das Rennen gewann. Das Ansehen von Open Wings stieg dadurch erheblich.

Jener “Castle-Race”, wie er in den Logfiles späterer Open Wings Versionierungen häufig zitiert wurde, brachte dem alten Internet einen hehren Ansehensschaden ein. Mittels Letter-Flooding “flutete” die Open Wings Foundation Taubenpost im großen Rahmen an die Bewohnerinnen und Bewohner von NeuBerlin, in denen das alte Internet als “offiziell lame” bezeichnet wurde.

In den darauffolgenden Jahren wurde Open Wings großflächig in NeuBerlin etabliert, wobei Funky.blend maßgebliche Beiträge leistete, die zugrundeliegende Netz-Topologie der Flugrouten zu optimieren und in hohen Volumen nutzbar zu machen. Stand Juli 2126 koordiniert Open Wings einen aktiven Schwarm von rund 22.000 Brieftauben in NeuBerlin.

Organisation

Open Wings versteht sich ausdrücklich nicht als Postdienst, sondern als öffentliche Infrastruktur. Die Stiftung transportiert ausschließlich Briefe. Waren werden grundsätzlich nicht durch Brieftauben befördert.

Stattdessen dient Open Wings als Kommunikationsschicht über dem Wasserverkehr der Stadt. Benötigt eine Werkstatt beispielsweise ein bestimmtes Ventil, wird zunächst eine Nachricht über Open Wings an den Material-Index der EVERYTHING übermittelt. Dort wird geprüft, welcher Lastkahn den gesuchten Gegenstand führt und auf welchem Kanal er sich befindet. Erst danach macht sich ein Versorgungsboot auf den Weg.

Die Verbindung zwischen Open Wings und EVERYTHING gilt als eines der elementaren logistischen Systeme NeuBerlins und wird häufig mit dem Verhältnis zwischen Daten- und Transportnetzen der Alten Welt verglichen.

Open Wings genießt in NeuBerlin eine umfassende Akzeptanz und gilt als das bevorzugte System zur Nachrichtenübermittlung.

Die Brieftauben

Brieftauben besitzen Magnet-Rezeptoren in Kopf und Schnabel, was sie für das Erdmagnetfeld sensibilisiert. Sie nutzen den Stand der Sonne und eine innere Uhr, um Kurskorrekturen durchzuführen. Auch prägen Brieftauben sich Geruchsmuster ihrer Heimatregion ein; sie „riechen“ im übertragenen Sinne den Weg nach Hause. Dabei orientieren sie sich auch an Flussverläufe, Straßennetze, große Gebäude und farbliche Muster. Durch gezieltes Durchführen von Trainingsflügen war es Ciao Von Bella gelungen, den Open Wings Brieftauben auch das Erkennen von Flaggen anzutrainieren.

In Experimenten finden Brieftauben ihren Heimatschlag oft auf wenige Meter genau – selbst aus hunderten Kilometern Entfernung.

Brieftauben navigieren nicht zu einem Menschen, sondern zu einem Ort, den sie als Heimatbasis kennen. Sie erkennen nicht das Gesicht einer Person aus der Luft und fliegen nicht gezielt zu ihr. Sie können nicht unbekannte Empfänger anfliegen, und auch keine Menschen aus der Luft identifizieren.

Durch Schwarmverhalten, Hierarchien untereinander und Rollenverteilungen (Leitvögel, Folgevögel), können Brieftauben sich untereinander organisieren. Schwarm-Knotenpunkte können Sammelpunkte für Tauben sein, an denen sie sich ausruhen. Dort werden Nachrichten gesammelt oder weitergegeben. Mit Geruchsmarkierungen können Tauben sich unterschiedlichen Nachrichtenkanälen zuordnen.


Topologie der Flugrouten

Jede Nachbarschaft unterhält Taubenschläge, vergleichbar mit den „Serverknoten“ des alten Internets. Die Tauben kennen exakt einen Taubenschlag, zu dem sie immer zurückfliegen. Nachrichten werden als physische Datenpakete transportiert (Papierrollen, Kapseln).

Da Tauben nur nach Hause fliegen können, sind Zwischenstationen nötig, Wie bei einer „Hop-by-Hop“-Übertragung im alten Internet. Um eine Nachricht beispielsweise von Treptow zum Prenzlauer Berg zu transportieren, müssen Tauben, die einen solchen Nachhauseweg nicht als Ganzes kennen, Zwischenstationen ansteuern, also ihren eigentlichen Heimatschlag. Hier wird die Nachricht an die nächste Brieftaube übergeben, und der nächste Taubenschlag wird angesteuert:

Treptow → Kreuzberg → Neukölln → Prenzlauer Berg

Dabei gilt: 1 Abschnitt = 1 Taube.


Routing

Die Nachrichten werden zwischen Taubenschlägen weitergereicht, die über ganz NeuBerlin verteilt sind. Da Brieftauben grundsätzlich zu ihrem Heimatschlag zurückkehren, erfolgt die eigentliche Routenplanung durch die Menschen. Jede Station besitzt daher aktuelle Karten sämtlicher erreichbarer Schläge sowie Informationen über Sperrungen von Wasserwegen, eingestürzte Gebäude oder vorübergehend verlegte Stationen.

Fehlerkorrektur

Mitunter können Briefsendungen verloren gehen. Das tut der Brieftaube natürlich leid, denn sie hat ihr bestes gegeben. Trotzdem kannst du, um auf Nummer sicher zu gehen, mehrere Tauben mit der gleichen Nachricht losschicken (Sicherungskopien). Damit reduzierst du das Risiko einer verloren Briefsendung auf ein Minimum.


Das Taubennetz von EVERYTHING

Jede größere Station besitzt mehrere Taubenschläge. Die dort gehaltenen Tauben gehören jeweils zu anderen Stationen:

Station Alexanderhafen

12 Tauben → Wedding
8 Tauben  → Kreuzberg
5 Tauben  → Köpenick
3 Tauben  → EVERYTHING Nord

Soll ein Päckchen von Köpenick nach Wedding, muss keine Taube beide Orte kennen:

Köpenick
   │ Taube mit Heimatschlag Alexanderhafen
   ▼
Alexanderhafen
   │ Taube mit Heimatschlag Wedding
   ▼
Wedding

Das Paket wird an jeder Station umgeladen. Die Tauben sind die Leitungen, die Schläge sind die Router, und Menschen oder mechanische Sortierwerke führen den Algorithmus aus.

Distance Vector: Jede Station kennt nur ihre Nachbarn

Jede Station führt ein handgeschriebenes Routenbuch:

ZielNächster Schlaggeschätzte Dauer
WeddingAlexanderhafen70 Minuten
SpandauMoabitdock110 Minuten
KöpenickTreptower Schleuse95 Minuten

Die Station muss nicht das gesamte Netz kennen. Sie fragt nur:

„Welcher meiner Nachbarn bringt das Paket dem Ziel voraussichtlich näher?“

Das entspricht einem Distance-Vector-Verfahren, also einer verteilten Form von Bellman-Ford. Reale Routingprotokolle wie Babel bauen auf diesem Prinzip auf und ergänzen Mechanismen gegen Routenschleifen.

In NeuBerlin könnten die Tabellen einmal täglich mit Kurierkarten aktualisiert werden. Ein Eintrag wäre beispielsweise:

WEDDING:
über ALEX 70
über MOABIT 55
über WESTHAFEN 90

Problematisch wird es, wenn eine Station ausfällt und die anderen noch veraltete Informationen besitzen. Dann könnte ein Paket im Kreis geschickt werden. Daher braucht jeder Behälter einen Hop-Zähler: Nach beispielsweise sechs Umladungen wird er nicht weitergeschickt, sondern landet im Fundbüro der EVERYTHING

Die reicheren Hauptstationen könnten nach dem Prinzip von OSPF arbeiten. Jede Station meldet regelmäßig:

  • welche Verbindungen offen sind,
  • wie viele Tauben bereitstehen,
  • welche Flugkorridore durch Sturm, Rauch oder Raubvögel gestört sind,
  • wie hoch die aktuelle Transportzeit ist.

Aus diesen Meldungen wird eine vollständige Karte des Netzes erstellt. Danach berechnet jede Hauptstation selbst die günstigste Route. Link-State-Protokolle funktionieren genau nach diesem Grundprinzip: Die Knoten tauschen Zustandsinformationen aus und berechnen anschließend kürzeste Wege.

In NeuBerlin könnte das vollkommen analog aussehen:

  • Jede Station stanzt ihren Zustand auf eine dünne Karte.
  • Rundflug-Tauben verteilen Kopien an alle Hauptstationen.
  • Kartografen stecken die Daten auf großen Messingtafeln um.
  • Gewichte werden mit verschiebbaren Marken aktualisiert.
  • Ein mechanischer Routenrechner oder Fibo selbst bestimmt die Wege.

Das wäre langsamer als digitales Routing, aber erstaunlich robust.

Flooding: im Notfall an alle

Bei einer Sturmflut, Epidemie oder einem Angriff wird eine Nachricht nicht gezielt geroutet. Jede Station schickt sie an alle benachbarten Stationen, die sie ihrerseits weiterverteilen.

Das ist Flooding.

Damit nicht dieselbe Nachricht endlos zirkuliert, erhält sie:

  • eine eindeutige Seriennummer,
  • einen Zeitstempel,
  • eine maximale Anzahl von Weiterleitungen.

Die Station prüft: „Habe ich Nummer 7-114-B schon gesehen?“ Falls ja, wird sie nicht noch einmal verschickt.

Das eignet sich für:

  • Evakuierungswarnungen
  • vermisste Schiffe
  • Wasserverseuchung
  • Feuer
  • Fahndungen der Sentinel Seven
  • öffentliche Aufrufe

Der Nachteil: Flooding verbraucht sehr viele Tauben.